Engelstrompete

Engelstrompete

Geschichte / Kultur / Chemie / Gesetze

Engelstrompete ist eine der ältesten „Biodrogen“ der Menschheit und hat als Heil-, Kult- und Nutzpflanze eine lange Tradition. Das sogenannte Nachtschattengewächs Engelstrompete findet sich auch hierzulande in Gärten wieder, jedoch ausschließlich als Zierpflanze. Seit den 1990er Jahren wird die Engelstrompete bei uns in Europa zunehmend für Rauschzwecke missbraucht. Hauptwirkstoffe der Engelstrompete sind Scopolamin und Atropin/Hyoscyamin. Alle Pflanzenteile der Engelstrompete enthalten Scopolamin und Atropin/Hyoscyamin, deren Konzentrationen in den Wurzeln, den Fruchtkapseln und den Blüten weitaus höher sind als in den Blättern. Unabhängig vom Pflanzenteil variieren die Konzentrationen aber erheblich. Folgende Faktoren beeinflussen die Konzentrationsschwankungen:
 

Rechtliche Lage

Die rechtliche Einreihung der Engelstrompete als Zierpflanze führt dazu, dass der Besitz, Handel und Erwerb in Deutschland nicht verboten ist. Ein Konsum hat keine rechtlichen Folgen. In anderen Länder hat man allerdings auf den Anstieg des oftmals tödlich endenden Gebrauchs bereits reagiert: So fällt die Engelstrompete beispielsweise in den USA unter das Betäubungsmittelgesetz.

Wirkungen & Risiken

Samen werden von den Betreffenden gegessen, getrocknete Blätter geraucht, ein Sud aus frischen Blüten getrunken, Pulver aus Pflanzenteilen mit Lebensmitteln vermischt etc.
Die Aufnahme der Wirkstoffe erfolgt relativ zügig. Je nach Aufbereitungs-, Konsumart und vielen anderen Faktoren können zwischen Einnahme und Wirkungseintritt Minuten bis zu Stunden liegen, was manche Konsumenten dazu verleitet nochmals „nachzulegen“ ohne den Effekt abzuwarten. Ein Tee beispielsweise kann seine Wirkungen bereits nach einer halben Stunde entfalten. Bereits bei niedrigen Dosen stellen sich folgende Vergiftungssymptome ein:

  • Pupillenerweiterung; Sehstörungen
  • Trockenheit der Haut bzw. der Schleimhäute
  • Hautrötung; erhöhte Körperwärme
  • Anstieg der Herzfrequenz (Herzrasen) und des Blutdrucks
  • Harnverhalt (Schwierigkeiten beim Urinieren)

Engelstrompete und Straßenverkehr

Bei Verkehrskontrollen fällt der Drogentest (z.B. Urin, Speichel), wegen der unzureichenden Analyseverfahren, (gegenwärtig immer) negativ aus. Der oftmals stundenlange Verlust der Steuerungsfähigkeit bedeutet höchstes Risiko im Straßenverkehr, egal ob als Fußgänger, Autofahrer oder Fahrradfahrer.

Formen von kontrolliertem & medizinischem Gebrauch

In der traditionellen Medizin einiger südamerikanischer Völker wird die Engelstrompete als Heilmittel gegen Atemnot, Gelenkleiden und Gelenkentzündungen eingesetzt. Bei Kopfschmerzen oder Unruhe werden Blätter auf die Stirn gebunden. In Europa war und ist der Gebrauch der Engelstrompete für medizinische Zwecke eher unbedeutend. Inhaltsstoffe wurden aber bei uns früher als krampflösendes Mittel verwendet oder auch gegen die Atemnot bei Asthma eingesetzt.
Vor gut 130 Jahren erprobte man den Gebrauch der isolierten Hauptwirksubstanzen (d.h. Scopolamin bzw. Atropin/Hyoscyamin und nicht die Pflanze selbst) zur Bekämpfung psychiatrischer Erkrankungen – allerdings nahezu erfolglos. Heutzutage verwendet man Scopolamin gelegentlich zur Unterdrückung von Brechreiz bei Reisekranken. Bei Augen- oder Mund-OPs nutzt man Scopolamin oder Atropin/Hyoscyamin zur Pupillenerweiterung beziehungsweise zur „Trocknung“ der Schleimhäute. Außerdem dient Atropin/Hyoscyamin oft als Gegengift für Nervengifte im Krieg: Viele Armeen sind mit sogenannten Autoinjektoren ausgerüstet, die Atropin als Gegenmittel gegen Giftgas enthalten.
 

Formen problematischen Gebrauchs

Engelstrompetenkonsum ist grundsätzlich problematisch! Besonders riskant ist der Konsum in folgenden Situationen:

  • in Kombination mit betäubenden Substanzen wie Alkohol und Barbituraten > äußerst lebensgefährlich, aufgrund ähnlicher und damit verstärkender Rauschwirkung
  • bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten und/oder anderen Drogen > nicht absehbare Wechselwirkungen
  • im Straßenverkehr > sehr hohe Unfallgefahr, aufgrund der stark erniedrigten Steuerungsfähigkeit
  • beim Sport > hohe Verletzungsgefahr, aufgrund der stark verringerten Kontrollfähigkeit

 
Fakten & Zahlen

In Medienberichten wird immer wieder von einer größeren Verbreitung des Konsums sogenannter Biodrogen gesprochen. Zahlen zum Konsum von psychoaktiven Nachtschattengewächsen wie Engelstrompete liegen allerdings nicht vor.

 

Literatur

Hochreuther, S.; Cuneo, A.; Härtel, D.; Brockmeier, J.; Götz, J.; Tebbe, U. (2009). Zentral anticholinerges Syndrom. Akzidentelle Vergiftung mit Engelstrompete – ein Fallbericht. Intensivmedizin und Notfallmedizin, 47(3), 211-214
Niess, C.; Schnabel, A.; Kauert, G. (1999). Angel trumpet: a poisonous garden plant as a new addictive drug?, Deutsche Medizinische Wochenschrift, 124(48), 1444-1447
Winckelmann, U.; Lübke, G.; Brockstedt M.; Schanz, I.; Dechent J.; Weber, J.; Albani, M. (2000). Anticholinerges Syndrom nach Ingestion von Tee aus Engelstrompetenblüten. Monatsschrift Kinderheilkunde, 148(1), 18-22
http://www.erowid.org/lang/de/drug_reference/hyoscyam.shtml (abgerufen am: 28.01.2011)
http://www.erowid.org/lang/de/drug_reference/scopolam.shtml (abgerufen am: 28.01.2011)
 

 

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